Donnerstag, 26. September 2013

Das Bielefelder Abrahamsfest - ein Gebot der Vernunft

Zeit, dass sich was bewegt

Es ist Abrahamsfest in Bielefeld in diesen Tagen bis 17. Oktober 2013. Christen, die hierzulande nominell noch eine überwältigende Mehrzahl im Verhältnis zu den anderen beiden auf Urgroßvater Abraham zurückgeführten Religionen, Judentum und Islam, darstellen, sind allesamt aufgefordert, sich im Kontext von Gott alias Jahwe alias Allah zu begegnen und im anderen etwas von sich selber zu finden, wie es Lessing in der Ringparabel treffend dargestellt hat: drei Erben im Besitz derselben unteilbaren Wahrheit, wobei aber - wie die Geschichte blutig gelehrt hat - jedem seine eigene besser als die er anderen erscheinen will.

Was bringt sie an einen Tisch?

- Der Glaube? Wohl kaum. Als selbstreferentielle Systeme schließen sie sich per definitionem aus.
- Die Vernunft? Darauf hatte wohl nicht nur Lessing gehofft. Toleranz heißt das entscheidende Stichwort. Und bis heute heißt das Fehlanzeige. Die "vernünftigen" Gläubigen waren und sind stets in der krassen Minderheit und sie sind in den Augen der anderen ja eigentlich gar keine echten Gläubigen, s.o.
- Die Säkularisierung? Die im Vordringen begriffene Abnutzung der religiös geprägten sozialen Milieus hat so manche Entspannung bereits gebracht. Haben sich evangelische und katholische Christen in Deutschland noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts nicht ohne Verachtung in die Augen blicken können, so beschränkt sich das heute auf die exklusiven Kreise von Hardlinern und Funktionären der jeweiligen Konfession. Die "bürgerliche Mitte", soweit sie überhaupt noch christlich denkt, hat überwiegend vergessen, worum es bei den vormals bis zum Tod ausgefochtenen Glaubenskämpfen ging.

Zu Tisch mit den weiteren "Verwandten"?

In der weiteren Instanz liegt die Begegnung mit den nächsten Glaubensverwandten, und das sind die abrahamitischen GlaubenskollegInnen: Juden und Muslime. Hier liegen die Gräben noch gefährlich offen. Hört man in Deutschland heutzutage von einer jüdisch-christlichen-abendländischen Kultur sprechen, so ist das nur eine fiktives Konstrukt zur Abgrenzung von den Muslimen, die seit 9/11 im unbelehrbaren Kollektivverdacht stehen, das Abendland erobern zu wollen: Türken vor Wien, islamistische Terrorzellen in Hamburg, Türkisch verdrängt Deutsch. In Wahrheit herrscht zunächst überall peinliche Ahnungslosigkeit: keine Ahnung, warum und wie der Koran so martialisch gegen die Ungläubigen vorgehen will, keine Ahnung, ob Judas nicht doch seinen jüdischen Glaubensbruder Jesus verraten hat und wir ihm deswegen böse sein müssen, keine Ahnung, was der Unterschied zwischen Ostern und Pfingsten ist (10 Tage Schulferien) usw.

Also wie wäre es mit Aufklärung, so wie die Initiatoren des Bielefelder Abrahamsfestes es beabsichtigen: gemeinsame Einsicht durch gegenseitiges Kennenlernen, Verstehen, Handeln. Doch die Vernunft ist bekanntlich eine Schecke und was für eine.

Überholt wird sie ohne weiteres von der Säkularisierung und inzwischen mehr noch von der Marginalisierung des Religiösen in den westlichen, abendländischen Gesellschaften. Es ist heute schon nicht mehr ganz ungefährlich, sich als religiöser Mensch überhaupt zu outen. Man ist nämlich entweder schwer beschränkt oder hat sogar Schuld am religiösen Fanatismus der Welt. Und jeder im Namen einer Religion verübter Anschlag in den Krisengebieten der Welt steigert den Ruf nach totaler Abschaffung religiös-irrationalen Denkens dramatisch.


Einen schweren Haken hat diese Entwicklung: Eine Gesellschaft, die keine religiöse Gesprächsbasis mehr hat, kann nicht religiös kommunizieren mit einer anderen Gesellschaft, die sich (noch) in vielen Bereichen über religöse Themen definiert, wenn auch längst nicht mehr ausschließlich, denn auch dort macht die Säkularisierung Fortschritte. Bis auf weiteres wäre es aber für den friedlichen Diskurs sehr von Vorteil, wenn unsere Glaubensverwandten sich auch in Deutschland mit uns auf der Grundlage ihrer und unserer religiösen Wurzeln unterhalten könnte. Strikte Anstandsregeln für unverheiratete Paare, das zwanghafte Tragen von Kopfbedeckungen und anderen Trachten, Tanzverbote an Feiertagen, Kopftücherträgerinnen sind auch in Deutschland zum Teil noch nicht länger als 50 Jahre her oder dauern in Maßen bis heute an.

Wir stehen auf der Grenze zwischen Vernunft und Säkularisierung. Die Einrichtung islamischer Religionsstudiengänge an deutschen Hochschulen zur Ausbildung islamischer Religionslehrer/innen made in Germany ist ein ganz entscheidender Schritt dahin. Doch der Weg bis nach Damaskus, Tripolis, Kairo, Teheran ist noch weit. Auch durch Israel verläuft diese Grenze auf einer Line von Jerusalem nach Tel Aviv.

Die Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Gudrun Krämer leitet an der Freien Universität Berlin das Institut für Islamwissenschaft. Beim Deutschen Orientalistentag in Münster sprach sie vergangenen Montag über "Spannungsbögen: Islam, Säkularisierung und das säkulare Prinzip":
„Angesichts nicht zu übersehender Prozesse der Säkularisierung lautet die Frage nicht, ob Muslime in einer säkularen Ordnung leben können“, so Prof. Krämer. „Sie ist hinlänglich beantwortet, indem Millionen von Muslimen dies tun, die ihre Gesellschaften nicht im Sinne der Scharia umgestalten wollen – und zwar nicht nur in Europa...“ Die Frage laute nun vielmehr, ob Muslime in der arabischen Welt das säkulare Prinzip als legitimes und erstrebenswertes Instrument zur Organisation ihrer Gesellschaften sähen.
Zur - für die meisten Europäer schlicht nicht zu beantwortbaren - Frage, ob der Islam denn überhaupt eine säkulare Staatsordnung zulasse, sagte Prof. Krämer:
„Dabei sind Religion und Staat im Islam nicht zwingend eins. Koran und Sunna lassen das säkulare Prinzip durchaus zu – jedoch nicht in der  Lesart, die heute im Mittleren Osten vorherrscht.“
In arabischen Ländern lässt sich eine konsequente Trennung von Religion und Staat nach wissenschaftlicher Einschätzung zurzeit nicht durchsetzen. Das säkulare Prinzip werde weithin abgelehnt, längst nicht nur von islamistischen Kräften.

Bis die Vertreter einer säkularisierten oder von jeder Religion befreiten Gesellschaft sich mit ihrem Anliegen am Ziel sehen könne, ist es - das ist meine Überzeugung - notwendig, sich auch im religiösen Gespräch auf dem Boden von Vernunft und Toleranz zu treffen.

Das Programm des Bielefelder Abrahamsfestes ist hier zu finden.

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