Dienstag, 31. Juli 2012

Von lila Hunden und der Kunst der dOCUMENTA 13

Ich hatte es mir einfacher vorgestellt. (Wie so vieles in meinem Leben.)

Dabei hatte ich mich doch lange schon darauf eingestellt, dass diese Diskussion über "lila Hunde" einmal kommen würde. (Oder über "Kakophonie"; ich liebe es, wenn alte Herrschaften in der Oetkerhalle "Buh" rufen; denn dann haben die Sinfoniker mal wieder Musik von Schönberg und Webern ins Freitagsabo aufgenommen; ja, die Alten haben sich anscheinend ihre kindliche Sturheit bis ins hohe Alter bewahrt - und das ist doch in unserer Gegenwart etwas Wertvolles: jung sein.)


Jung sein und den Eltern Contra geben.

(Macht aber nicht wirklich Sinn, wenn die Eltern - und auch der Komponist - bereits lange tot sind.) Kindern fordern uns mit ihren Vorstellungen von der Welt heraus. Seltsamer Weise auch mal in umgekehrter Richtung: "Ich weiß nicht, was dieser Sch... mit lila angemalten Hunden überhaupt soll! Lass mich bloß mit deinem Reden von 'Kunst' in Ruhe!" (Da weiß ich wieder, warum das Leben mit Kindern für mich ohne Alternative ist.) Ist ja Klasse! Was wollte ich dann noch antworten? (Warum ist meine Antwort eigentlich noch nicht fertig? Ich hatte nicht weniger als 25 Jahre Zeit, sie mir zu überlegen.)


Mit "lila Hunden" ist übrigens die diesjährige "Documenta" in Kassel gemeint

... oder vielmehr, was die beiläufigen Medienberichte daraus verhackstücken. Mein "gebüldetes" Kind hat genau einen Artikel gelesen, in dem auch das Hundepärchen mit den rosa gefärbten Beinen abgebildet war, sowie die Absicht der Documenta-13-Leiterin, das Denken der Hunde über Kunst zu thematisieren. (Dass unsere tierischen Mitbewohner auf diesem Planeten entwicklungsbiologisch von uns Menschen nicht weit entfernt sind, wissen wir doch schon etwas länger und wir praktizieren doch auch häufig einen sehr humanen Umgang - jedenfalls mit den Tieren, die wir nicht zu Futter verarbeiten oder wegen ihrer Produkte einsperren.) Das oder vielleicht das unterschwellige Un- oder Missverständnis in den Medien jedenfalls hat es meinem Kind angetan, regelrecht angegriffen.


Das ist doch keine Kunst!

Ganz schön apodiktisch für einen Teenager. (Besser ich sollte ihm jetzt nicht damit kommen, dass ein - oder DAS - Konzept der Gegenwartskunst darin besteht, die Kritik an der Provokation in das Kunstwerk mit einzubeziehen.) Dabei scheint er doch etwas mehr verstanden zu haben, als befürchtet (wie insgeheim aber gehofft): Wenn die Kunst erst im Kopf entstehe und man erst mal das Konzept des Künstlers studiert haben müsse, sei das eben keine Kunst.


Aha! Die romantische ganzheitliche Auffassung, die Kunst liege im Objekt, im Werk.

Damit werde ich ihn kriegen: Jede antike Statue oder Plastik von Rodin oder ein Gemälde von Rubens oder Hopper kann heute maschinell reproduziert werden; wenn es sich lohnt sogar in Masse und bei IKEA für 39,90 Euro. - Ich hoffe, das sitzt. Doch er wird kontern: Jeder Affe könne Farbe auf Leinwand bringen, die von Experten nicht von echter Kunst zu unterscheiden sei. - Ha werde ich sagen, genau das ist es doch: Wenn es "echte Kunst" gibt, und sie nicht von "unechter Kunst" zu unterscheiden ist, dann liegt die Kunst im Betrachter, im Konzept. Aber nein, umgekehrt sei es: der Kunstwert liege eben im Objekt und alles, was wie Affenkunst aussieht, könne niemals Kunst sein. - Schade!


Na schön, dann eben umgekehrt:

Nicht jedes Bild von z. B. Rubens ist Kunst. Peter Paul Rubens war bekanntlich ein Kunstunternehmer, der, nachdem er seinen Ruf erlangt hatte, eine Werkstatt für Auftragskunstwerke eröffnete und ganz gut davon leben konnte: Auftragskunst, Massenware, sehr gutes Handwerk, Kunsthandwerk, aber nicht alles Kunst. Was Rembrandts "Nachtwache" nach Meinung von Kennern zur Kunst macht, ist, wie Rembrandt die Bestellung seiner nach  Selbstdarstellung verlangenden betuchten Auftraggeber mit seinem Ego, seiner künstlerischen Auffassung in Einklang bringt.

Und die hatten früher doch noch gar keine Fotografie

Natürlich schaut man bei diesen Jahrhunderte alten Werken zuerst auf die naturalistische Abbildung, die manchmal wie 3-D aussieht. Ist das die Kunst? Oder schauen wir nicht ebenso verblüfft auf die Kreidezeichnung des Straßenkünstlers, der uns z. B. einen gähnenden Abgrund direkt vor dem Haupteingang von Karstadt vorspiegelt? Wo ist dann der der Unterschied zu Rembrandt, wenn man bedenkt, dass ein Straßenkünstler sein Konzept auch gegen die Straßenreinigung oder die polizeiliche Ordnung "verteidigen" muss?

Mein Kind wird sich spontan lieber für die "Kunst der Straße" entscheiden, vermute ich. Aber warum eigentlich machen wir am Wochenende nicht einen Ausflug nach Kassel? Lila Hunde sollen dort sehr selten sein. Es soll da noch ganz andere Sachen geben, die hauen einen um, wenn man sie sieht. (Bis 16. September 2012.)


(Die Hyperlinks in diesem Beitrag verstehen sich als selbständige weiterführende Hinweise. Sie gehören nicht zum Beitrag. Ich garantiere nicht für die Richtigkeit sowie die dauernde Verfügbarkeit. Hinweise über tote Links gern an mich.)

Keine Kommentare:

Kommentar posten