Dienstag, 2. Oktober 2012

Mit Macht an der Wirklichkeit vorbei

"Keine andere menschliche Gemeinschaft kann Ehe und Familie ersetzen, keine andere Beziehung kann Ehe genannt werden,"

...hat Marx gesagt - Reinhard Marx wohlgemerkt. - Seit der frühere Weihbischof von Paderborn sich zum telegenen Erzbischof von Freising und München gemausert hat, spielt die katholische PR immer wieder gern mit der Namensgleichheit des Kirchenkritikers Karl Marx und publizierte beispielsweise Reinhard Marx'ens lesenwerte Gedanken zur katholischen Soziallehre in Zeiten der Finanzkrise unter dem Titel "Das Kapital".

Von solchen Platitüden abgesehen, würde ich mir wünschen, die Kirche würde ihre Dogmatik nicht so fahrlässig zur Propaganda einsetzen, wie beispielsweise in der eingangs bereits zitierten Pressemeldung erschienen am 01.10.2012 auf katholisch.de.


"Andere Beziehungen sollten nicht verurteilt werden...Doch gelte es dafür zu kämpfen, dass die Ehe als Verbindung von Mann und Frau mit ihrer Offenheit für das Leben als etwas ganz besonderes anerkannt wird, als Grundwirklichkeit menschlicher Existenz, als Keimzelle von Kirche, Gesellschaft und Staat."

Ich bin selber überzeugter Anhänger der Lebensgemeinschaft Ehe (in christlicher Ausprägung), bin aber genauso überzeugt davon, dass dogmatische Aussagen nicht durch gebetsmühlenartiges Wiederholen zu empirisch messbaren Tatsachen der Wirklichkeit werden können. Es ist ein Gebot simpelster Logik, "Sein" und "Sollen" strikt von einander zu trennen.

Die Abweichung der Wirklichkeit vom christlichen Leitbild könnte dieser sehr schnell zum Verhängnis werden - das haben Monty Python schon vor 30 Jahren sehr anschaulich persifliert.

  

Die katholische Online-PR scheut den Vergleich trotzdem nicht und zitiert aus der Predigt des Bischofs anlässlich eines Segensgottesdiensts mit mehr als 800 Ehepaaren in Freising am vergangenen Sonntag, den 30. September 2012, wie folgt: "Keine andere Beziehung kann Ehe genannt werden". - Warum nicht? Welche besondere Qualität von Ehe ist gemeint? - Genau genommen gar keine. Marx reklamiert lediglich den Markenbegriff Ehe exklusiv für die katholische Kirche. Ob er das darf, interessiert schon deswegen nicht, weil Ehe gegenwärtig nicht hip ist, ganz gleich ob konfessionell oder zivil.

Katholisch.de zitiert den Bischof weiter: "Die Ehe als Verbindung von Mann und Frau mit ihrer Offenheit für das Leben sei etwas ganz Besonderes." - Da muss man dem Kardinal in seiner Wertschätzung gar nicht widersprechen. Sehr wohl muss die darin enthaltene Pauschalisierung auf ein vernünftiges Maß reduziert werden. Weder ist die christliche Ehe eine besonders erfolgreiche Form der Partnerschaft, noch ein Garant für die erfolgreiche Vermehrung des deutschen Volkes.

Dass es so nicht ist, weiß in unserem Land nun wirklich jeder: In unserer Gesellschaft steigt seit Jahrzehnten der Anteil "nicht-konventioneller" Ehen und Familien, in denen trotzdem und mit Erfolg Kinder groß werden. (Informationen zur politischen Bildung, Bundeszentrale für politische Bildung.) - Tatsache in Deutschland im 21. Jahrhundert ist es außerdem, dass ein Drittel der (christlichen) Ehen wieder geschieden werden und die Wahrscheinlichkeit, dass vor der Scheidung Kinder aus der Ehe hervorgehen, bei 50% liegt, m.a.W also zufällig ist. (Statistisches Bundesamt zitiert nach Bundeszentrale für politische Bildung.)

Könnte man sich vielleicht ohne dogmatische Übertreibung darauf einigen zu sagen: Unabhängig von Ehe und Kirche gründet erfolgreiche Vermehrung und glückliche Erziehung auf verlässlich gelebte Solidarität Erwachsener in der Sorge für sich und ihre Kinder. So gesehen, darf man der Ehe - auch der christlich aufgefassten Ehe - gute Chancen einräumen, diese Bedingungen zu erfüllen. Sie jedoch als Garant und als alternativlos darzustellen, ist unzulässig.

Recht hat, wer den Menschen gerecht wird. (Für gläubige Christen sei noch ergänzt: ...und Gott.) In jedem Fall: Den Menschen wird man nicht allein durch Formeln gerecht. Und darin zeigt sich außer der Namensgleichheit von Marx und Marx eine andere interessante Verbindung: Auch der andere Marx, der Karl, hatte seine Probleme mit Sein und Sollen. Einerseits ein brillanter Sozialforscher, vgl seine Ausführungen zum "Ehescheidungsgesetzentwurf von 1842", ließ er seine Erkenntnisse in dogmatische Prophezeiungen über den Untergang der kapitalistischen Gesellschaft und zum Klassenkampf verkommen.

Allerspätestens mit dem Zusammenbruch der DDR sind seine ihm nachfolgenden "Jünger" damit gescheitert. Dafür muss man bei der PR sensibel sein und beachten, dass sich bei den Menschen unserer Zeit großes Misstrauen breit macht, immer wenn mit Macht an der Wirklichkeit vorbei geredet wird.


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